Wenn ein Elternteil oder ein anderer nahestehender Senior plötzlich Unterstützung braucht, verändert sich der Alltag oft schneller, als man denkt. Am Anfang sind es Kleinigkeiten: „Kannst du kurz die Medikamente holen?“, „Fährst du bitte zum Arzttermin?“, „Der Haushalt wird langsam schwierig.“ Doch was zunächst nach einzelnen Handgriffen aussieht, wird für viele Berufstätige schleichend zu einer zweiten Schicht – mit Verantwortung, Zeitdruck und emotionaler Belastung.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Angehörigenpflege bei Senioren ist deshalb kein reines Organisationsproblem. Es ist eine Lebensphase, in der Sie gleichzeitig zuverlässig im Job funktionieren und für einen älteren Menschen Sicherheit schaffen möchten. Genau hier hilft ein strukturierter Ansatz: klare Prioritäten, realistische Absprachen, einfache Systeme – und vor allem Entlastung, bevor Sie selbst an die Grenze kommen.
In diesem Blogartikel finden Sie praxisnahe Tipps, die speziell auf die Pflege und Unterstützung von Senioren zugeschnitten sind.
1) Machen Sie die Situation sichtbar: „Ich unterstütze einen Senior“ ist ein Fakt – kein Makel
Viele Angehörige versuchen, die Belastung möglichst lange „unsichtbar“ zu halten. Sie organisieren Termine in der Mittagspause, fahren vor der Arbeit kurz vorbei, telefonieren zwischen Meetings, beantworten nachts Nachrichten. Das geht eine Weile – aber es kostet enorm viel Kraft.
Der erste Schritt zur Vereinbarkeit ist nicht, noch effizienter zu werden, sondern die Situation bewusst anzuerkennen: Sie übernehmen Verantwortung für einen Senior. Das ist ein wichtiger Teil Ihres Lebens – und Sie dürfen dafür Unterstützung und Spielraum einfordern.
Praktischer Mini-Schritt:
Formulieren Sie für sich einen Satz, der Ihre Situation klar beschreibt, z. B.:
„Ich bin berufstätig und unterstütze regelmässig einen älteren Angehörigen. Dafür brauche ich planbare Flexibilität.“
Dieser Satz hilft Ihnen später in Gesprächen mit Familie, Arbeitgeber und Dienstleistern.
2) Klären Sie den tatsächlichen Unterstützungsbedarf – bei Senioren ist er oft wechselhaft
Senioren brauchen nicht immer „Pflege“ im klassischen Sinn. Häufig geht es um Betreuung, Begleitung und Sicherheit: Sturzrisiko, Vergesslichkeit, Unsicherheit beim Gehen, Überforderung im Haushalt, Einsamkeit oder das Management von Medikamenten.
Damit die Aufgaben nicht unkontrolliert wachsen, hilft eine ehrliche Bestandsaufnahme:
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Was kann der Senior selbstständig? (z. B. Körperpflege, Essen, kurze Wege)
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Wobei braucht er Hilfe? (z. b. Einkaufen, Kochen, Duschen, Treppen, Anziehen)
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Welche Risiken gibt es? (z. B. Sturzgefahr, vergessene Herdplatte, Medikamentenverwechslung)
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Was ist emotional belastend? (z. B. Angstzustände, Konflikte, Einsamkeit)
Gerade bei Senioren kann sich die Situation von Woche zu Woche verändern. Umso wichtiger ist ein System, das flexibel bleibt.
Tipp: Notieren Sie 7 Tage lang kurz, welche Unterstützung Sie geleistet haben. Danach sehen Sie schwarz auf weiss, wie hoch Ihr tatsächlicher Aufwand ist – oft ist das deutlich mehr als gefühlt.
3) Trennen Sie „Pflege“ und „Organisation“ – beides sind unterschiedliche Belastungen
Bei der Angehörigenpflege von Senioren gibt es zwei grosse Aufgabenfelder:
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Direkte Unterstützung (Besuche, Hilfe im Haushalt, Begleitung, Betreuung)
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Organisation (Termine, Rezepte, Abklärungen, Rechnungen, Absprachen)
Viele unterschätzen den zweiten Teil. Die Organisation läuft ständig nebenher – und frisst mentale Energie. Genau deshalb lohnt es sich, diese Bereiche bewusst zu trennen und zu strukturieren.
Praktischer Ansatz:
Richten Sie zwei feste wöchentliche Zeitfenster ein:
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„Senioren-Orga-Block“ (z. B. Dienstag 18:00–18:45): Telefonate, Rezepte, Termine, Papierkram
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„Senioren-Besuchsblock“ (z. B. Samstag 10:00–12:00): Besuch, Haushalt, Gespräche
So verhindern Sie, dass Pflege und Organisation ständig in Ihren Arbeitsalltag hineinlaufen.
4) Planen Sie mit „Fix-Terminen“ und „Notfall-Puffer“ – Seniorenalltag ist nicht immer planbar
Ein häufiger Fehler ist, jede Woche komplett zu verplanen: Job, Familie, Haushalt, Pflege. Bei Senioren passiert dann Folgendes: Ein unerwarteter Arzttermin, ein Sturz, eine schlechte Nacht, eine akute Verwirrtheit – und Ihr ganzes System kippt.
Deshalb gilt: Puffer ist Pflicht.
So funktioniert’s einfach:
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Definieren Sie Ihre Fixzeiten (Arbeitszeiten, feste Pflegetermine, wichtige Meetings)
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Blocken Sie zusätzlich Pufferzeiten im Kalender (1–2 Slots pro Woche, 60–90 Minuten)
Diese Puffer sind keine „Freizeit“, sondern Ihr Sicherheitsnetz. Wenn nichts passiert: wunderbar. Dann haben Sie Raum zum Durchatmen.
5) Sprechen Sie frühzeitig im Job über die Situation – ohne sich zu rechtfertigen
Viele Berufstätige warten zu lange, bis sie im Unternehmen etwas sagen. Doch wenn die Situation eskaliert, ist es schwerer, Lösungen ruhig und professionell zu verhandeln.
Wichtig: Sie müssen keine privaten Details erzählen. Es reicht, Ihre Situation sachlich zu skizzieren – und Lösungsorientierung zu signalisieren.
Beispiel-Formulierung:
„Ich unterstütze derzeit regelmässig einen älteren Angehörigen. Es kann vereinzelt zu kurzfristigen Terminen kommen. Mir ist wichtig, dass meine Leistung stabil bleibt – deshalb möchte ich frühzeitig mit Ihnen abstimmen, wie wir Flexibilität gut organisieren können.“
Dann können Sie konkrete Optionen ansprechen, z. B.:
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Gleitzeit / flexible Arbeitszeiten
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Homeoffice-Tage
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planbare Teilzeit für einen Zeitraum
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Freistellung für bestimmte Termine
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klare Erreichbarkeitszeiten, um Unterbrechungen zu reduzieren
6) Delegieren Sie gezielt – bei Seniorenpflege ist „alles alleine“ selten dauerhaft möglich
Viele Angehörige tragen die Hauptlast, weil „die anderen“ wenig tun – oder weil sie selbst ungern abgeben. Doch wenn Sie arbeiten und einen Senior unterstützen, ist Delegation kein Luxus, sondern ein Schutzfaktor.
Der Schlüssel ist: nicht um Hilfe bitten, sondern Aufgaben verteilen.
Statt „Kannst du auch mal…?“ besser:
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„Kannst du jeden Mittwoch den Einkauf übernehmen?“
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„Kannst du einmal im Monat die Rechnungen / Krankenkasse sortieren?“
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„Kannst du Arzttermine koordinieren?“
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„Kannst du für Notfälle erreichbar sein, wenn ich im Meeting bin?“
Je klarer und wiederholbarer die Aufgaben sind, desto wahrscheinlicher ist echte Entlastung.
7) Schaffen Sie klare Grenzen – besonders bei Senioren mit hohem Sicherheitsbedürfnis
Viele Senioren rufen häufig an, nicht weil „etwas passiert“, sondern weil sie sich unsicher fühlen. Das ist menschlich. Für Berufstätige kann es aber zerstörerisch sein, wenn der Arbeitstag ständig unterbrochen wird.
Hier helfen klare, liebevolle Regeln:
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feste Telefonzeiten (z. B. täglich 18:30)
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klare Notfall-Regel: Wann ist ein Anruf während der Arbeitszeit wirklich nötig?
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ein zweiter Kontakt (Nachbar, Schwester, Betreuung), falls Sie nicht erreichbar sind
Wichtig: Grenzen sind kein Liebesentzug. Sie sind die Voraussetzung, dass Sie langfristig zuverlässig unterstützen können.
8) Nutzen Sie Hilfsmittel, die Senioren wirklich helfen – nicht nur „smart“, sondern alltagstauglich
Technische Lösungen können entlasten – wenn sie einfach sind und zum Senior passen. Beispiele:
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Hausnotruf / Notfallknopf (für Sturzrisiko)
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Medikamentenbox (Wochensystem)
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Erinnerungszettel / Routineplan am Kühlschrank
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Schlüssel-Management (Ersatzschlüssel bei Nachbarn)
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Checkliste für wichtige Dinge (Telefonnummern, Allergien, Medikamente)
Das Ziel ist nicht High-Tech, sondern Sicherheit mit wenig Aufwand.
9) Achten Sie auf Warnsignale – Überlastung kommt oft schleichend
Viele pflegende Angehörige funktionieren lange – bis es plötzlich nicht mehr geht. Achten Sie besonders auf diese Warnsignale:
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dauerhafte Erschöpfung trotz Schlaf
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Gereiztheit, schnelle Tränen, emotionale Taubheit
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Konzentrationsprobleme im Job
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Schuldgefühle („Ich mache zu wenig“)
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körperliche Symptome (Kopf, Magen, Rücken)
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Rückzug von Freunden und Erholung
Wenn Sie sich hier wiedererkennen, ist das kein persönliches Versagen – es ist ein Zeichen, dass Sie Entlastung brauchen.
10) Denken Sie langfristig: Ein tragfähiges System ist wichtiger als kurzfristiges „Durchhalten“
Bei Seniorenpflege ist oft nicht klar, wie lange die Unterstützung nötig ist – Wochen, Monate, Jahre. Deshalb lohnt sich ein Perspektivwechsel:
Nicht: „Wie halte ich das noch durch?“
Sondern: „Wie baue ich ein System, das über längere Zeit funktioniert?“
Ein tragfähiges System enthält immer:
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feste Routinen
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klare Zuständigkeiten
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Notfallplan
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Entlastung durch Dritte
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Grenzen und Erholung
Und vor allem: realistische Erwartungen an sich selbst.
Fazit: Vereinbarkeit gelingt, wenn Sie Struktur schaffen und Entlastung zulassen
Die Unterstützung eines Seniors ist oft eine der menschlich wichtigsten Aufgaben im Leben – und gleichzeitig eine der anspruchsvollsten. Wenn Sie berufstätig sind, braucht es dafür keine perfekte Lösung, sondern eine, die verlässlich funktioniert: mit klarer Planung, ehrlichen Absprachen und dem Mut, Hilfe anzunehmen.
Wenn Sie heute nur eine Sache mitnehmen: Sie müssen das nicht alleine tragen.
Je früher Sie Struktur und Unterstützung organisieren, desto eher bleibt Ihre Beziehung zum Senior geprägt von Nähe – statt von Dauerstress.
